thomas11

2007-07-01

Gegen den Gewöhnungseffekt

Filed under: deutsch, india — thomas11 @ 00:28

Selbst wenn man in einem exotischen Land ist, setzt nach einer Weile ein Gewöhnungseffekt ein. Man kennt die Eigenheiten und die Unterschiede zum eigenen Land, und lebt seinen Alltag.

Das ist ja langweilig, dachte sich Indien heute wohl, der Thomas soll doch was von seinem Aufenthalt haben. Zeigen wir’s ihm gleich im Doppelpack.

Heute vormittag sitze ich vor unserem Arbeitsraum auf dem Rasen, um zu telefonieren (drin war eine Präsentation). Plötzlich kracht es im Baum vor mir: ein Affe war vom Balkon des ersten Stocks in den Baum gesprungen. Gemütlich klettert er vom Baum und spaziert in einem Meter Entfernung an mir vorbei. Mit einem toten Streifenhörnchen im Maul. Zwei Meter weiter macht er es sich bequem, und beißt erstmal ein kräftiges Stück ab. Mir ist fast das Handy aus der Hand gefallen. Essen Affen nicht Früchte und so??? Kein Inder wollte mir die Geschichte glauben, die haben mich angeguckt, als hätte ich was eingeworfen. “Monkeys are veg!” “Veg my ass!!!” Erst als ich ihnen die Blutspuren am Boden gezeigt habe, sind sie ins Zweifeln gekommen.

Heute abend sitze ich in der Autorikshaw, an einer roten Ampel, und wie üblich kommen die bettelnden Kinder. Rikshaws sind natürlich viel besser als Autos, da kommt man näher an die Leute ran und kann sie vor allem berühren. Meistens sind es Mädchen, die sind süßer. Ich gebe nichts, abgehärtet und über die langfristig negativen Folgen des Bettelns informiert, aber wie immer schweren Herzens und zweifelnd. Da zieht eines der beiden Mädchen ihren Rock etwas hoch und macht einen Kussmund. Sie war vielleicht sieben, acht Jahre. Gibt es wirklich Männer, bei denen das was bringt? Mir ist das Kotzen gekommen.

Incredible India? Definitiv.

2007-06-18

Lektüre: Congress empfiehlt…

Filed under: deutsch, india — thomas11 @ 13:18

Ich hab schon länger einige Notizen über verschiedene Indien-Bücher rumliegen, über die ich mal bloggen will.  Vor Ende der Dipl, und das heißt wohl bevor ich in Deutschland bin, komme ich aber wohl nicht mehr dazu.  Letztens hab ich in der Zeitung aber etwas sehr interessantes zum Thema gesehen: der Congress, eine der größten indischen Parteien und wohl historisch die wichtigste, hat eine Liste veröffentlicht, die junge Parteimitglieder bitteschön lesen sollen, um zu verstehen, woher Indien kommt und wo es möglicherweise hin geht.  “Prescribed” for its “young and budding leaders” hieß es so schön (India Express 2007-06-08). Und in der Tat sieht diese Liste wirklich interessant aus, und scheint einigermaßen frei von politischen Tendenzen zu sein.

  • Indira: the life of Indira Nehru Gandhi, Katherine Frank
  • The story of my experiments with truth, Gandhi
  • Hind Swaraj, Gandhi
  • Discovery of India, J. Nehru
  • Letters from a father to this daughter, J. Nehru
  • Anandmath, B.C. Chaterjee
  • India’s struggle for independence, B. Chandra
  • India’s social system, R. Ahuja

Ein paar von denen würd ich mir gern mal vornehmen, aber meine Leseliste ist ja eh immer so endlos lang…

Darüber hinaus sollten die jungen Leute bitte auch eine feste Basis in den verschiedenen Religionen haben, daher enthält die Leseliste weiterhin: Bhagavad Ghita, Quran, Bible, Ramayana, Mahabharata.

Bis ich meine Indien-Leseliste zusammengestellt habe, würde ich mich über Leserkommentare mit Empfehlungen und Erfahrungen freuen!

2007-06-16

Indien-Blogger unterwegs

Filed under: deutsch, india — thomas11 @ 19:04

Björn ist wieder daheim, und findet’s toll.

Daniela will heim. Wenigstens zum Essen.

Und bald kommt ein Neuer von daheim, Paul nach Kolkata.

2007-06-13

Inder wollen wir jetzt doch nicht in D…

Filed under: deutsch, india — thomas11 @ 11:48

…nicht mal für fünf Tage.

Vor ein paar Jahren gab’s ja dieses lächerliche Green-Card-Geschwurbel, samt Kinder-statt-Inder-Dünnpfiff von der CDU. Komisch, wenn dann ein Bekannter vom IIT für fünf Tage nach Deutschland will, um eine Messe zu besuchen, sich mit Schreiben vom IIT-Professor um ein Visa bewirbt, und nach persönlichem Gespräch abgelehnt wird.

they asked me to appear for an interview, which I did and the interview went nice and smooth…all my papers were in order….finally just on the day I was supposed to fly, they returned my passport with a regret letter!

Es scheint wohl recht zufällig entschieden zu werden.

many of my countrymen, who do not even speak Hindi properly, know nothing about english, are not having proper bank account, are being entertained in the visa office for hours and finally somehow they are being issued a visa.

Echt blöd für mich als Deutschen hier, wenn ein Bekannter nach Deutschland möchte, mich um Rat und ein paar Tipps fragt, und dann das. International groß auftreten können wir mittlerweile wieder, aber ein bißchen gesunden Menschenverstand walten lassen, das geht wohl nicht. Da kann ich Kausik nur das abschließende Wort lassen:

I guess these are the blind and dark spots of bureaucracy!

Update 20067-06-18:

However, I wrote a note to the Science and Technology Section of German embassy informing them about the incident. Although I did not receive any kind of reply from them even after almost one week.

Große Leistung, das.

2007-06-11

Erlebnisse in einem Oberklasse-Restaurant

Filed under: deutsch, india — thomas11 @ 10:29

Letztens war ich mit dem einzigen verbliebenen Europäer außer mir in einem guten italienischen Lokal essen. Sehr schickes Ambiente, Preisklasse so 300-400 Rupien pro Hauptgericht, ca. 6 Euro. Entsprechend bestand auch die Klientel aus schick gekleideten obere-Mittelklasse-Leuten.

Die erste interessante Interaktion mit den Kellnern kam zustande, als Nicolas eine Bidi rauchte. Das sind kleine, von Hand in ein Blatt gerollte Zigaretten mit einem kräuterartigen Geschmack. Sofort kam ein Kellner an und warnte Nicolas vor den Gesundheitsrisiken. Denn Bidis hätten ja keinen Filter, und die Inhaltsstoffe, usw… Ich bin sicher, dass ihn das in Wahrheit nicht interessierte, sondern einen anderen Grund hatte: Bidis werden mit den unteren Gesellschaftsschichten identifiziert. Sie sind billig, und Leute mit Geld kaufen sich echte Zigaretten. Man will sie also in so einem Lokal nicht sehen und riechen.

Als es ans Bezahlen ging, brachte mir der Kellner einen Evaluationsbogen. Man konnte für verschiedene Kriterien eine von drei Noten ankreuzen: Sehr gut, gut, und durchschnittlich :-) Schön, wenn die Restaurantbetreiber von sich überzeugt sind. Ich habe dann überall gut oder sehr gut angekreuzt, außer bei einem Kriterium. Prompt kam der Kellner nach zwei Minuten zurück. Ich hätte da nur “duchschnittlich” angekreuzt. Ja, sagte ich, finde ich auch. “Aber Sir… der Boss hat mich danach gefragt…” Ach so, das gibt gleich Ärger. Da macht es natürlich Sinn, zum Gast zurück zu gehen und ihn die Evaluation ändern zu lassen. Das habe ich dann auch gemacht, weil ich nicht verantwortlich für einen Rausschmiss oder ähnliches sein wollte. (Moralisch richtig oder falsch?) Ich musste das dann noch mit Unterschrift neben meinem Kreuzchen bestätigen! Sinnvolle Evaluation :-)

2007-06-08

Qawwali in Nizamuddins Schrein

Filed under: deutsch, india, religion — thomas11 @ 22:30

Qawwali at Nizam-ud-dins shrine, DelhiRichtig spannend wurde es am Donnerstag bei der Qawwali in Nizamuddins Schrein. Lesern von City of Djinns wird das bekannt vorkommen. Die Qawwali ist eine dem Islam zugehörige musikalische Darbietung, die dem Sufismus entspringt und in Gegenden, in denen diese heute nicht mehr allzu verbreitete islamische Tradition noch Einfluss hat, dargeboten wird. Die Sufis waren Männer, die allzu strenge Vorschriften und zu engen Fokus auf den Koran ablehnten und stattdessen die persönliche Erfahrung, den emotionalen Kontakt mit Gott in den Mittelpunkt stellten. So ist auch die Qawwali eine recht ekstatische Musikform, die nur improvisiert gespielt und gesungen wird und deren Texte hauptsächlich Hymnen und Liebesbekundungen an Gott sind.

Qawwali at Nizam-ud-dins shrine, DelhiIn Delhi gibt es ein sehr altes Viertel, Nizamuddin, in dem praktisch nur Muslime leben. Tatsächlich fühlt man sich in die Gassen einer arabischen Stadt versetzt (nicht dass ich da schon mal selbst war). Menschen drängen sich durch enge Gassen, in denen man den Himmel nicht mehr sieht, fast alle Männer haben die weißen Kappen auf (wie heißen die denn?), man sieht Frauen in der Burka, Läden verkaufen religiöse Literatur und Gebetsteppiche. Der Stadtteil ist nach dem Schrein eines verehrten Heiligen, Nizam-ud-din Aulia, benannt. Donnerstags versammeln sich die Gläubigen, und einige versprengte Touristen, dort zur Qawwali. Vorher noch das Abendgebet – Ungläubige zurücktreten!, und jeder wollte noch schnell in den Schrein. Jeder Mann, versteht sich – Frauen verboten. Die saßen etwas traurig-teilnahmslos draußen, und nahmen auch an der folgenden Qawwali nicht teil.

Das Gedränge und die Hitze waren unheimlich. Aber mir blondem Europäer hat man schnell einen guten Sitzplatz in der ersten Reihe verschafft – ein paar Privilegien genießt man schon, ob man will oder nicht.

Qawwali at Nizam-ud-dins shrine, DelhiDie Musik begann langsam. Zwei Harmonia, ein Trommler, und zwei Sänger boten melancholisch anmutende etwas schleppende Weisen dar. Die Menge beruhigte sich, und die Konzentration der Anwesenden stieg. Dann wurde die Musik schneller. Die Stimmen der Sänger erhoben sich, immer abwechselnend und ineinander fließend, bis zu einer wilden Mischung aus Gesang und Rufen. Lange, ohne Pause und mit wechselnden Sängern, zog sich die Musik hin und die Zuhörer tiefer in diese eigenartige, aber schöne Stimmung hinein. Eine hypnotische Musik, die viele der Männer erfasste, die die Augen schlossen oder die Arme zum Himmel erhoben. Langsam, in einer schwer zu beschreibenden Stimmung, standen wir unauffällig auf und spazierten noch ein paar Mal, begleitet von der Musik, um den Schrein.

Woche der Religionen

Filed under: deutsch, india, religion — thomas11 @ 17:24

In Indien sind sämtliche Weltreligionen vertreten, und dazu noch einige, deren Anhänger wie die Hindus fast nur in Indien zu finden sind, wie die Sikhs, die Jains oder die Parsen. Es ist deshalb unheimlich interessant, diese religiösen Gruppen auch mal in echt zu besuchen. Letzte und vorletzte Woche hab ich da mal eine größere Tour gemacht.

In Hindu-Tempeln war ich schon öfters, neben ein paar kleineren zum Beispiel im Ram Mandir in Ayodhya – das beeindruckt selbst Inder! Hier in Delhi war ich jetzt endlich mal im Akshardam-Tempel. Dieser neue Tempel hat sich in kürzester Zeit zu einer überregionalen Sehenswürdigkeit gemausert. Verständlicherweise: er ist einfach ungeheuer prachtvoll. Detaillierteste Steinhauereien bedecken jeden freien Zentimeter. Und es sind viele Zentimeter. Diese Pracht, zusammen mit einigen Ausstellungen, in denen der Gründer dieser speziellen Guru-Linie und seine Nachfolger in fundamentalistisch anmutender Weise über den grünen Klee gelobt wurden, ist mir zwar ziemlich suspekt. Rein visuell ist der Tempel aber ein Erlebnis. Das liegt aber auch an den Besuchern: es geht zu wie auf dem Jahrmarkt. Jeder muss Akshardam gesehen haben, und so schiebt man sich durch und stellt sich an. Immer wieder. Kinder betteln um ein Eis, und das angeschlossene Restaurant wirkt wie eine Fabrikkantine (allerdings mit ausgesprochem guten Essen!). Der gigantische Parkplatz und Vorhof und die strengen Sicherheitsverkehrungen vermitteln eine Art Flughafenatmosphäre. Kurios, aber schön. Kameras waren nicht erlaubt.

During Meditation, Tushita Meditation Center, DelhiAm folgenden Montag war wie üblich abends unsere tibetisch-buddhistische Meditationsgruppe im Tushita Meditation Center, und mit Erlaubnis der leitenden Nonne bin ich mal kurz für ein Bild aufgestanden. Wer in Delhi ist, sollte da mal vorbeischauen (Pause bis September). Yeshe (eine gebürtige Norwegerin!) erklärt gerne alles, und es gibt wunderschöne Thangkas und Statuen zu bewundern (man beachte im Bild oben den großen Buddha rechts). Ich habe hier immer einen großen Frieden und große Herzlichkeit erlebt.

Gleich am Tag darauf hatte es sich ergeben, dass ich mit Mayank zu einer großen Gurdwara, einem Sikh-Tempel, ging. Die Stimmung in der Gurdwara Bangla Sahib fand ich fesselnd. Es wirkte bedeutend religiöser, spiritueller auf mich als meine Erfahrungen mit Hindu-Tempeln, bei denen ich immer den Eindruck hatte, dass die meisten Besucher nur eine Pflicht abwickeln. (Ich hoffe, ich trete damit niemandem auf die Füße. Das ist mein persönlicher Eindruck.) Deshalb war es aber keineswegs orthodox-streng, sondern sehr angenehm.

Gurudwara Bangla Sahib, Delhi

In der Gurdwara lasen drei ältere Männer aus dem Guru Granth Sahib, der heiligen Schrift der Sikhs, vor, während die Gläubigen eine riesige Ausgabe selbiger umkreisten und Respekt bezeugten. Im weitläufigen Innenraum saßen Familien und hörten ihnen zu, oder hingen ihren eigenen Gedanken nach. Auf dem Außengelände befindet sich ein großes Wasserbecken, an dem Gläubige Waschungen durchführten und es im Uhrzeigersinn umrundeten. Viele saßen einfach so und hörten der Lesung zu oder plauderten.

Richtig spannend wurde es schließlich nochmal am Donnerstag bei der Qawwali in Nizamuddins Schrein. Dieser habe ich einen eigenen Eintrag gewidmet.

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