thomas11

2007-06-08

Qawwali in Nizamuddins Schrein

Filed under: deutsch, india, religion — thomas11 @ 22:30

Qawwali at Nizam-ud-dins shrine, DelhiRichtig spannend wurde es am Donnerstag bei der Qawwali in Nizamuddins Schrein. Lesern von City of Djinns wird das bekannt vorkommen. Die Qawwali ist eine dem Islam zugehörige musikalische Darbietung, die dem Sufismus entspringt und in Gegenden, in denen diese heute nicht mehr allzu verbreitete islamische Tradition noch Einfluss hat, dargeboten wird. Die Sufis waren Männer, die allzu strenge Vorschriften und zu engen Fokus auf den Koran ablehnten und stattdessen die persönliche Erfahrung, den emotionalen Kontakt mit Gott in den Mittelpunkt stellten. So ist auch die Qawwali eine recht ekstatische Musikform, die nur improvisiert gespielt und gesungen wird und deren Texte hauptsächlich Hymnen und Liebesbekundungen an Gott sind.

Qawwali at Nizam-ud-dins shrine, DelhiIn Delhi gibt es ein sehr altes Viertel, Nizamuddin, in dem praktisch nur Muslime leben. Tatsächlich fühlt man sich in die Gassen einer arabischen Stadt versetzt (nicht dass ich da schon mal selbst war). Menschen drängen sich durch enge Gassen, in denen man den Himmel nicht mehr sieht, fast alle Männer haben die weißen Kappen auf (wie heißen die denn?), man sieht Frauen in der Burka, Läden verkaufen religiöse Literatur und Gebetsteppiche. Der Stadtteil ist nach dem Schrein eines verehrten Heiligen, Nizam-ud-din Aulia, benannt. Donnerstags versammeln sich die Gläubigen, und einige versprengte Touristen, dort zur Qawwali. Vorher noch das Abendgebet – Ungläubige zurücktreten!, und jeder wollte noch schnell in den Schrein. Jeder Mann, versteht sich – Frauen verboten. Die saßen etwas traurig-teilnahmslos draußen, und nahmen auch an der folgenden Qawwali nicht teil.

Das Gedränge und die Hitze waren unheimlich. Aber mir blondem Europäer hat man schnell einen guten Sitzplatz in der ersten Reihe verschafft – ein paar Privilegien genießt man schon, ob man will oder nicht.

Qawwali at Nizam-ud-dins shrine, DelhiDie Musik begann langsam. Zwei Harmonia, ein Trommler, und zwei Sänger boten melancholisch anmutende etwas schleppende Weisen dar. Die Menge beruhigte sich, und die Konzentration der Anwesenden stieg. Dann wurde die Musik schneller. Die Stimmen der Sänger erhoben sich, immer abwechselnend und ineinander fließend, bis zu einer wilden Mischung aus Gesang und Rufen. Lange, ohne Pause und mit wechselnden Sängern, zog sich die Musik hin und die Zuhörer tiefer in diese eigenartige, aber schöne Stimmung hinein. Eine hypnotische Musik, die viele der Männer erfasste, die die Augen schlossen oder die Arme zum Himmel erhoben. Langsam, in einer schwer zu beschreibenden Stimmung, standen wir unauffällig auf und spazierten noch ein paar Mal, begleitet von der Musik, um den Schrein.

6 Comments

  1. hallo thomas,
    bin über danielas blog gerade erst an deinen gelangt und habe den ersten artikel zu “qawwali” gelesen. klingt nach einer wirklich “sinnlichen erfahrung”. wird man dort als europäer gern gesehen? oder spielt das keine rolle? frauen? ich habe ja bisher nur den abklatsch dieser musik gehört, der gelegentlich in filmen verwandt wird und würde gern wissen, ob das im original auch so klingt…?
    lg anja

    Comment by anja — 2007-06-09 @ 17:09

  2. Hallo Anja!

    Es war in der Tat eine sinnliche Erfahrung. Man muss natürlich offen für sowas sein und den richtigen Tag erwischen, denn man kann die Sache sicher auch als pseudo-mystisches Gedudel erleben, umgeben von Männern mit Testosteron-Überschuss. Für mich hat das Sinnliche aber klar überwogen.

    Als Europäer hatte ich keine Probleme, im Gegenteil, ich wurde zuvorkommend auf einen guten Platz bugsiert. Bei Frauen bin ich mir aber nicht sicher. Westliche Frauen habe ich nicht gesehen an dem Abend, und die einheimischen saßen abseits in einer eigenen Gruppe. Die Musik konnte man da gut hören, sehen aber nichts. Dasselbe beim Gebet, da aber auch für die Nicht-Muslime. Es dürfte aber kein Problem sein, sich zumindest ne Weile an den Rand zu stellen.

    Zum Klang kann ich deine Frage nicht beantworten, da ich die Film-Qawwali nicht kenne. Indische Filme sind irgendwie eine große Bildungslücke geblieben, hab kaum welche gesehen.

    lg,
    Thomas

    Comment by Thomas — 2007-06-09 @ 21:55

  3. aha. danke fürs feedback, thomas. ich würde das wirklich gern mal live erleben…aber als europäerin…naja, mal sehen. ob ich dafür extra nach dehli muss…?? werde mich ab oktober für eine längere zeit in mumbai aufhalten, vielleicht findet sich ja dort was adäquates. es gibt ja schließlich auch dort muslime :roll:
    in vielen bollywood filmen wird qawwali gelegentlich als kontrast programm zum banghra-song verwendet, aber eben häufig als pop-version. also schätze ich mal…
    in “mangal pandey” (bin grad nicht sicher, ob ders ist, auf jeden fall sehr empfehlenswert zum gucken!) sieht man dann auch die männer in reihen sitzen und diese wipp-bewegung machen. das sieht schon sehr mystisch aus….
    lg anja

    Comment by anja — 2007-06-11 @ 02:06

  4. Das klingt echt nach einer ungewöhnlichen Erfahrung! Sehr interessanter Bericht!

    Grüße
    -Lev

    Comment by Lev — 2007-06-11 @ 13:20

  5. Nach den ersten Sätzen war ich schon fast auf dem Weg zur Tür, um mir das selber mal anzuschauen, bis ich las, dass ich da gar nicht rein darf. Hm. :-(

    Übrigens, falls du mal Zeit hast, nach Ajmer zu fahren, kannst du dir dort die Dargah anschauen. Fand ich unglaublich berauschend.

    Comment by Daniela — 2007-06-16 @ 21:59

  6. Hei Daniela,

    du darfst schon überall rein, wo ich an dem Abend war. Nur der Schrein selbst ist für Frauen verboten, da war ich aber auch nicht drin wegen dem extremen Gedränge. Auf dem obersten Bild sieht man ihn rechts, die Männer verbeugen sich am Eingang, bevor sie reingehen, und auf dem zweiten Bild sieht man die Außenwand (mit Frauen davor…).

    Die Qawwali ist einfach in dem Hof, in dem der Schrein steht.

    Comment by Thomas — 2007-06-17 @ 00:04


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