thomas11

2007-05-24

Varanasi

Filed under: deutsch, india — thomas11 @ 23:31

Ups, lange nicht gebloggt! Ich entschuldige mich bei den treuen Lesern, die in letzter Zeit umsonst reingeschaut haben. Ich gelobe Besserung, denn es gibt eigentlich schon einiges zu schreiben – aber schauen wir mal in den nächsten Tagen…

Varanasi impression from boat
Vor nun schon zwei Wochen war ich drei Tage in Varanasi, auch als Benares bekannt. Varanasi ist vielleicht die indischste aller indischen Städte. Indien komprimiert. Sie ist eine der sieben heiligen Städte des Hinduismus, und liegt am heiligsten aller Flüsse, dem Ganges.

Varanasi hat insbesondere die Eigenschaft, dass es als sehr verdienstvoll gilt, dort zu sterben oder zumindest verbrannt zu werden. Das hört sich morbide an, ist aber ganz konkreter Alltag: an zwei der sich kilometerweit hinziehenden Uferbefestigungen names Ghats werden im Freien die Toten verbrannt. Direkt daneben spielt sich das pralle Leben ab. Eine wirklich spezielle Erfahrung.

Bathing and Puja in the Ganga, Varanasi
Die meisten Ghats werden von gläubigen Hindus zum rituellen Bad im Ganges genutzt, das die Seele reinigt. Sie führen dazu verschiedene Rituale und Gebete aus, die vom einfachen Aussetzen einer schwimmenden Kerze zu komplexen Abläufen mit vielmaligem Wasser aufnehmen und ausgießen, Verneigungen, und einigem mehr reichen. Ich habe Stunden sitzend am Ganges verbracht und diesem Treiben zugeschaut. Einerseits war es eine andere Welt für mich Westler, andererseits hat mich die magische Stimmung des Ortes und der Glaube der Pilger gepackt.
Bathing and Puja in the Ganga, Varanasi

Und das trotz der Verkäufer. Und Masseure. Und Bettler. Da Varanasi eine der touristischen Hauptattraktionen ist, tummeln sich die reichlich, und sind an Aufdringlichkeit denen in Agra klar überlegen. Schon spannend, was sie sich einfallen lassen. Gib niemand die Hand, sonst hast du eine Massage an der Backe. Echt Ayurveda natürlich. Ein kleines Mädchen hat mir mit sehr schlechtem Karma gedroht, sollte ich ihre Blumen nicht kaufen. Traurig, und witzig, wie so manches in Indien.

Religion ist in Indien nicht getrennt vom Leben wie in Deutschland: Sonntags Kirche, sonst Alltag. Hier sind die Gläubigen umgeben von planschenden Kindern, Fischern, und Wasserbüffeln. Die Sauberkeit des Wassers ist Studien zufolge katastrophal. Das macht aber nichts, die spirituelle Kraft kann man nicht chemisch messen. Und da alles Leben verbunden ist, was macht es da, wenn im Wasser Exkremente oder die Asche Verstorbener ist.

Burning Ghat from Ganga, Varanasi

Trotz all dem bunten Leben bleiben die Verbrennungsghats am deutlichsten in Erinnerung. Ist vielleicht unvermeidlich, denn sie sind dem westlichen Denken sicher am fremdesten. Durch die engen Gassen der Altstadt werden die Toten, komplett in Tücher eingewickelt, in kleinen Prozessionen unter traurigem Gesang und Ausrufen zu den Ghats getragen. Während die Arbeiter den Scheiterhaufen aufschichten, wird der Tote in das heilige Wasser getaucht. Manchmal gibt der Sohn, der sich den Kopf kahlgeschoren hat, noch einige Handvoll Wasser durch das Tuch in den Mund. Sobald der Tote aufgebahrt ist, wird er mit Sandelholz bestreut und mit Buttermilch begossen – ersteres ist heilig, letzteres gibt einen angenehmen Geruch!

Es brennen immer mehrere Feuer gleichzeitig, um der Nachfrage Herr zu werden. Vier Stunden braucht eine Leiche ungefähr bis zur Einäscherung. Dann wird der Platz von Angehörigen einer speziellen Kaste gesäubert und die Asche wird natürlich in den heiligen Ganges gestreut.

Varanasi impression from boat Old town, Varanasi
Zwanzig Meter weiter schwimmen Jungs ausgelassen, und Männer waschen die Wäsche. Der Tod als Teil des Lebens, im Westen redet man immer davon, hier wird das gelebt und ist selbstverständlich.

Viel mehr Bilder wie üblich auf meiner Flickr-Seite.

3 Comments

  1. Wow, Thomas, dieser Bericht hat alleine beim Lesen wirklich tiefe Spuren in mir hinterlassen. Wäre ist selbst dort gewesen, wäre es mir bestimmt so ergangen wie dir…

    Comment by Doro — 2007-05-28 @ 22:26

  2. Saucooler Bericht! Krasse Sache mit der Verbrennung… also wie genau das gemacht wird :P

    Grüße
    -Lev

    Comment by Lev — 2007-05-29 @ 13:26

  3. […] erwartet wurde ich bei meiner Ankunft in dieser heiligen Stadt umgehend von einem Schwarm Autorikshaw- und Taxifahrern angefallen. Wie vom Lonely Planet empfohlen […]

    Pingback by Varanasi: gejagt, verlaufen « Studying in Kolkata — 2007-11-26 @ 12:26


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