thomas11

2007-03-13

Lucknow, Ayodhya, Holi in Gonda

Filed under: deutsch, india — thomas11 @ 20:13

Jetzt komme ich endlich mal dazu, das vorletzte Wochenende, also mein erstes in Indien, aufzuschreiben. Vorsicht, langer Bericht – war auch ein ereignisreiches Wochenende!

Ein, zwei Tage nach meiner Ankunft hatte ich mich bei meinem Zimmernachbar Ravi vorgestellt. Der hatte gleich die beruehmte indische Gastfreundschaft demonstriert und mich nach wenigen Stunden Bekanntschaft ueber’s Wochenende zu seiner Familie nach Hause eingeladen. Am Sonntag (4. 3.) war naemlich Holi, einer der wichtigsten hinduistischen Feiertage, an dem die Familien zusammenkommen.

Ravi kommt aus Gonda, 200 km von Lucknow, im Bundesstaat Uttar Pradesh, der den Grossteil der nordindischen Tiefebene umfasst. Er ist der bevoelkerungsreichste der Bundesstaaten und enthaelt die heiligen Staedte Varanasi (auch Bengares) und Ayodhya, wie auch praktisch alle wichtigen buddhistischen Staetten, da der Buddha dort lebte und lehrte. Aktualisierung: das stimmt so nicht. Mindestens so viele historische buddhistische Orte sind im oestlich angrenzenden Bihar, vor allem Bodh Gaya, wo Buddha die Erleuchtung erlangte.

To Lucknow with Ravi&RaviLucknow ist ca. 600 km von Delhi entfernt, aber durch unguenstige Auswahl des Busses, Stau, und allgemein den indischen Strassenverhaeltnissen kann die Fahrt schon mal 17 Stunden dauern… wie bei uns zum Beispiel. Am Donnerstag nachmittag ging’s los, Freitag morgen waren wir da. Mir hat das nichts ausgemacht, das ganze war ja neu und spannend und Ravi hat mir auf der Fahrt einiges ueber Land und Leute erzaehlt.

bus station, Delhi

Auf dem Busbahnhof am Rand von Delhi, wo wir gestartet sind, haette ich mich allein schon mal gar nicht zurecht gefunden. Fuer mich sah es nach Chaos aus. Ravi wusste allerdings, wo die erste Anlaufstelle ist, und so konnte man doch recht schnell einen Bus finden. Von der Fahrt ist mir die Armut, die man an den Behelfsbehausungen, den Bettlern und den vielen aermlichen Verkaeufern und Strassenkuechen nicht uebersehen konnte, deutlich in Erinnerung geblieben.

Lucknow
In Lucknow holte uns Ravis Bruder Bhanu mit seinem Auto ab – er arbeitet wohl recht erfolgreich in der Baubranche. Da abends eine kleine Familienfeier von in Lucknow lebenden Verwandten war, nahmen wir uns Freitags Lucknow vor und fuhren erst am Abend nach Gonda.

Bara Imambara, Lucknow

 

Bara Imambara area, LucknowDie Hauptsehenswuerdigkeit Lucknows ist die Bara Imambara, ein vom schiitischen Herrscher Asafud-Daula 1784 erbauter Komplex mit einer Trauerhalle ueber einem Heiligengrab, Moschee und Bad. Die Gebaeude waren sehr eindrucksvoll, und die Fuehrung durch die Bhul Bhulaya, ein Labyrinth im Palast, war spannend.

Naechster Stop war die Husainabad Imambara, ein 1837 erbautes Mausoleum. Innen wirkte das Ganze etwas skurril, mit einer riesen Kronleuchtersammlung. Der anscheinend sehr glaeubige Fuehrer, der uns vor allen moeglichen Reliquien zu Verbeugungen anhielt, haette aber auf ein Grinsen wohl nicht so erfreut reagiert. Die Aussenanlage mit einem langen, teils mit Wasserpflanzen bedeckten Becken war sehr schoen.Husainabad Imambara, Lucknow


Nachmittags gings weiter mit dem Zoo, in dem (!) sich das Staatsmuseum von Uttar Pradesh befindet. Nicht besonders gross und recht heruntergekommen, aber die sehr alten Skulpturen, viele auch aus der Fruehzeit des Buddhismus, waren spannend. Nach so viel Kultur war’s dann genug, und wir sind noch eine Runde durch die (Indien-typisch chaotische) Innenstadt gebummelt, bevor’s dann zur Familienfeier ging. Es war eine Art Geburtsfeier, aehnlich unserer Taufe, mit vielleicht 50 Gaesten – also aeusserst klein, wie mir wiederholt erklaert wurde. Ich war anfangs die Attraktion, als erster Westler, der da im Familienkreis aufgetaucht ist. An die Videokamera, die mich teils zwei, drei Minuten beim Essen festgehalten hat, musste ich mich erstmal gewoehnen. Zumal ich das Essen ohne Besteck und mit nur einer Hand, und auch noch im Stehen, noch nicht gescheit konnte ;-)

Nach der zweistuendigen Fahrt nach Gonda konnte ich dann Ravis Familie kennenlernen. In dem Haus in Gonda leben seine Eltern und sein Bruder Bhanu mit Frau Pinky und Sohn Vansh, ein dreiviertel Jahr alt. Meistens war bei uns noch Cousin Arwind dabei. Der Familie gehoeren neun Geschaefte in Gonda, die sie verpachten, sie gehoeren damit lokal schaetzungsweise zur oberen Mittelschicht. Das Haus war auch dementsprechend sehr schoen und gross, und damit aber eben auch nicht repraesentativ fuer Indien und den Ort. Mir war das in meiner ersten Woche in Indien natuerlich erstmal recht, nicht zuviel Kulturschock auf einmal… Ravis family Die Familie hat mich sehr freundlich aufgenommen und umsorgt. In Indien ist der Gast extrem hoch geschaetzt, was sich teils auch religioes begruendet. “Der Gast ist wie ein Gott”, wurde mir oft erklaert, was sich anscheinend daher herleitet, dass in den hinduistischen Goettergeschichten einer der Goetter immer wieder Haeuser in normaler, meist aermlicher Menschengestalt besucht und so die Bewohner auf ihre Gutherzigkeit prueft. Daher koennte jeder Gast so eine Inkarnation sein!

Ayodhya

Samstag war dann Ayodhya auf dem Programm, was mich sehr gefreut hat, denn Ayodhya ist eine der sieben heiligen Staedte des Hinduismus. Es war 1992 Schauplatz groesserer Unruhen, als hinduistische Fundamentalisten eine Moschee, die ihrerseits auf den Ruinen eines der ehemals heiligsten hinduistischen Tempel stand, niederbrannten. Der Tempel heisst/hiess Ram Janam Bhumi und ist fuer Hindus der Geburtsort des Gottes Ram.

Zuerst haben wir einen “normalen” Tempel besucht, den Hanuman Gadhi Tempel. AyodhyaDazu kauft man zunaechst in einem von zahllosen darauf spezialisierten Laeden spezielle Suessigkeiten, die im Tempel geweiht werden. Im Laden laesst man auch gleich seine Schuhe, da man den Tempel nur barfuss betritt. Den Tempel erreicht man dann ueber eine lange Treppe (und passt dabei auf die Affen auf, die Unvorsichtigen die Suessigkeiten aus der Hand klauen!). Hanuman Gadhi temple, AyodhyaInnen geht man einmal um das reich verzierte Heiligtum, und reicht dann die Suessigkeiten einem im Innern sitzenden Priester, der sie unter dem Idol segnet und zurueckgibt. Sie werden spaeter in der Familie verteilt und bringen so den Segen auch unter die, die nicht im Tempel sein konnten.

Als naechstes gingen wir zum Hanuman Idol, das aus den Ruinen von Tempel und Moschee Ram Janam Bhumi geborgen wurde und daher fuer Hindus von grosser Bedeutung ist. Es ist immer mit frischer Farbe bemalt, von der man sich, nachdem man Idol einige Male umrundet hat, mit dem Finger etwas nimmt und sich gegenseitig ein Zeichen auf die Stirn malt.

Hanuman Gadhi temple, Ayodhya Hanuman idol, Ayodhya

Schliesslich war Ram Janam Bhumi selbst dran. Soviel Militaer habe ich noch selten auf einmal gesehen, bestimmt zwei- bis dreihundert Soldaten, die gleichzeitig im Dienst waren. Ganz so ernst nahmen viele die Sache aber nicht, mehrmals haben mich welche neugierig gefragt, in voller Montur und mit umgehaengtem Gewehr, wo ich denn herkaeme! Wir gingen durch fuenf volle Koerperkontrollen, und durften dann nur in einem rundum vergitterten Gang auf vorgegebenem Weg ueber das Gelaende gehen. Da die Moschee zerstoert ist, und der Tempel aus Angst vor Anschlaegen nicht wieder aufgebaut wurde, ist nicht viel zu sehen. Nichtsdestotrotz ist der Ort fuer die Hindus sehr wichtig.

Holi
Holi!

Schliesslich war am Sonntag Holi! Besonders der quirlige Arwind konnte schon am Samstag von nichts anderem mehr reden. Das Besondere und spassige an Holi ist der Vormittag: man bewirft sich mit Farbe und schmiert sich gegenseitig ein, bis alle total bunt sind! Im Haus ging’s auch gleich nach dem Fruehstueck los, ohne Ruecksicht auf Einrichtung und die Kleider. Netterweise hatte Ravi mir vorher ein altes T-Shirt mit Flecken vom letzten Holi geliehen. Das ganze macht wirklich Spass :-) Endorsing New HollandSehr wichtig an Holi ist der familiaere Aspekt, und dementsprechend sind wir dann zu einer fast den ganzen Tag dauernden Verwandten-Besuchs-Tour aufgebrochen. Den Gast aus Europa zu zeigen, bzw. ihn sehen zu wollen, mag da auch eine Rolle gespielt haben. So kam ich unter anderem dazu, bei Bhanus Schwiegervater, der ein Traktorengeschaeft hat, fuer ein kleines “Werbefoto” zu posieren :-)

Holi!

Am eindruecklichsten waren aber die zwei Besuche auf dem Land, auf total urspruenglichen Doerfern, teils ohne Strom. Wir sind mit dem Motorrad gefahren, da die Strassen zu schlecht fuer das Auto sind, entlang von Feldern mit Zuckerrohr und Linsen, und Mangobaeumen, oft gefolgt von den Blicken neugieriger Kinder… schon das war ein unvergessliches Erlebnis.

Die Dorfbewohner waren jedesmal sehr stolz, mich zu bewirten, und mir wurde gesagt, ich sei der erste Europaer, der dort jemals gewesen sei. Fuer die Kinder war es besonders toll, von mir mit Farbe ingeschmiert zu werden, wenn ich auch einige Aufforderungen gebraucht hatte, bis ich mich traute, da so richtig mitzumischen. Davon gibt’s leider keine Bilder, da die in Wasser geloeste Farbe zu gefaehrlich fuer die Kamera gewesen waere. Wieder zu Hause, folgte eine weitere Besuchsreihe, nach der ich fast geplatzt waere, denn die Bewirtung des Gastes ist den Leuten natuerlich sehr wichtig, und ablehnen kann man da schlecht.

Schliesslich war es auch schon wieder Montag, und der Abschied fiel nach den wenigen Tagen schon sehr schwer. Pinky lud mich auch gleich zu Vanshs erstem Geburtstag im Mai ein – mal schauen :-) Zum Glueck erwischten wir fuer die Rueckfahrt einen besseren Bus, der uns in zwoelf Stunden nach Delhi zurueckbrachte.

1 Comment

  1. […] ich aber nicht, das wäre ja zu einfach gewesen. Ich bin seit sieben Wochen in Delhi, war auch auf dem Land bei Gonda unterwegs, hab recht mutig gegessen, wenn auch nicht an den schäbigsten Strassenküchen. Nie irgendwas […]

    Pingback by Na endlich... « thomas11 — 2007-04-20 @ 19:27


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